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Gelebter Glaube - Ein Vortrag von Michael Mainka vom 22.10.1997

1. Geschichte und Entstehung der Adventgemeinde

1.1 Die Freikirchen und ihre Geschichte

Die Adventgemeinde ist eine evangelische Freikirche. Was ist das, eine Freikirche? Der Begriff Freikirche ist historisch betrachtet ein Gegenbegriff zu Staatskirche bzw. Volkskirche.

Staatskirchen gibt es heute z.B. noch in Skandinavien oder Großbritannien. Man spricht dort etwa von der schwedischen Kirche und meint damit die protestantische Kirche in Schweden. Oder man spricht von der anglikanischen Staatskirche, in der die Königin das Oberhaupt ist. Freikirchen treten für die Trennung von Kirche und Staat ein. Er soll keine Kirche bevorzugen oder benachteiligen bzw. er soll sich überhaupt nicht in kirchliche Angelegenheiten einmischen.

Die Freikirchen unterscheiden sich jedoch nicht nur von den Staatskirchen, sondern auch von den Volkskirchen. Man spricht von einer Volkskirche, wenn die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kirche in einem Volk weitgehend selbstverständlich ist. Dies entsteht durch die Praxis der Kindertaufe. Volkskirchen üben aufgrund ihrer großen Mitgliederzahlen einen Einfluß auf die Gesellschaft aus und werden von ihr unterstützt und gefördert.

Freikirchen gewinnen ihre Mitglieder aufgrund deren persönlicher Entscheidung. Dies kann z.B. durch Mündigentaufe bzw. Erwachsenentaufe erfolgen oder auch dadurch, daß jemand vor seiner Aufnahme in die Gemeinde einem Glaubensbekenntnis zustimmt. Wird der Unterschied zwischen Freikirche und Volkskirche betont, spricht man daher auch von den Freikirchen als "Freiwilligkeitskirchen".

In Europa war der Boden war für Freikirchen nicht immer günstig. Entgegen anderslautenden Behauptungen brachte auch die Reformation des 16. Jahrhunderts keine Glaubens- und Gewissensfreiheit im heutigen Sinn. Am Ende der Reformation standen lutherische oder calvinistische Staatskirchen. Andersgläubige wurden diskriminiert oder verfolgt. Das traf vor allem die "Täufer", die durch ihre Forderung nach Abschaffung der Kindertaufe die Einheit von Kirche und Staat bedrohten. Ihre "Religionsfreiheit" bestand im Recht auf Auswanderung, später auch im Recht auf Hausandacht. Kein Wunder, daß die religiösen Minderheiten im 17. Jahrhundert im großen Maßstab nach Amerika auszuwandern begannen. In Amerika aber setzten die religiösen Minderheiten die Religionsfreiheit durch. Die ehemals Verfolgten erhielten die Freiheit, ihre Kirchen nach ihren Glaubensüberzeugungen aufzubauen.

1.2 Die Miller-Bewegung - Vorläufer der Adventgemeinde

In diesem Umfeld entstand auch die Adventgemeinde. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es zu einer religiösen Erweckungsbewegung und zu einem starken Fortschritts- und Zukunftsoptimismus in weiten Teilen der Bevölkerung. Anknüpfend an Schilderungen der Offenbarung des Johannes über ein 1.000jähriges Reich (Millenium) erwartete man das Aufkommen eines goldenen Zeitalters, in der die Welt sich nach christlichen Prinzipien leiten lasse. Man ging enthusiastisch an die Arbeit, gründete religiöse Vereine und Institute zur Weltverbesserung. Amerika wurde sich der Aufgabe bewußt, Reformer der Welt zu sein - ein Bewußtsein, das sich z.T. bis in unsere Tage erhalten hat.

In den dreißiger Jahren aber begann sich eine Bewegung zu formieren, die diesem Fortschrittsoptimisuus diametral entgegenstand. Ihr gehörten Christen aller Konfessionen an. Geistiger Führer war der Baptist William Miller, weshalb diese Bewegung auch Miller - Bewegung genannt wurde. Miller erkannte, daß Jesus nicht die Utopie eines von Menschen zu errichtenden goldenen Zeitalters verkündigte, sondern davon sprach, daß er am Ende der Zeiten - einer Zeit zunehmender Krisen - in den Wolken des Himmels wiederkommen werde, um "einen neuen Himmel und eine neue Erde" aufzurichten (Off.21,1). Und er ging noch einen Schritt weiter: er glaubte, durch die Entschlüsselung biblischer Zahlensymbolik den Termin der Wiederkunft Christi errechnen zu können und gelangte so in das Jahr 1843. Später errechnete einer seiner Mitstreiter den 22.10.1844.

Diese Gedanken verkündigte Miller zunächst als Gastprediger in den verschiedensten christlichen Kirchen. Bald schon entstand eine Bewegung. Große Zeltversammlungen wurden organisiert, Zeitungen gegründet und in Riesenauflagen unters Volk gebracht. Etwa 100.000 Menschen sympathisieren mit den Gedanken Millers. Als die Miller - Bewegung auf ihren Höhepunkt zusteuerte, wurden ihre Anhänger aus ihren Kirchen ausgeschlossen. Und in der Zeit kurz vor dem 22.10.1844 verließen zahlreiche Anhänger Millers ihre Arbeit, um anderen Menschen die Botschaft von der unmittelbar bevorstehenden Wiederkunft Christi mitzuteilen.

1.3 Die Entstehung der Adventgemeinde

Nun, das alles ist 150 Jahre her und wir sitzen noch immer hier. Nach dem 22.10.1844 brach die Miller-Bewegung zusammen. Von den 100.000 Anhängern blieben lediglich einige kleine Gruppen übrig, die zumeist auch bald im Sande verliefen. Eine dieser Gruppen war jedoch zu einer kritisch - konstruktiven Bewertung ihrer Erfahrungen in der Lage. Aus ihr bildete sich schließlich im Jahre 1863, ca. 20 Jahre später, die Adventgemeinde.

Diese Gruppe entdeckte zunächst, daß die Miller-Bewegung dem Wort Jesu aus Mt.24,36 keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte, wo Jesus von der Zeit seiner Wiederkunft spricht: Von dem Tage aber und von der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater." Eine Berechnung des Termins. für die Wiederkunft Christi war also als unbiblisch abzulehnen, nicht aber der Gedanke der Wiederkunft Christi selbst. Im Gegenteil. Sie erkannten, daß Miller hier zentrale Aussagen des NT wieder entdeckt hatte, die im kirchlichen Leben ihrer Zeit ein Schattendasein geführt hatten.

Die Anhänger der Miller-Bewegung entstammten ganz unterschiedlichen Konfessionen und brachten auch verschiedene gesellschaftspolitische Überzeugungen mit (z.B. Anti-Sklaverei-Bewegung, Anti-Alkohol-Bewegung, Reform des Gesundheitswesens und der Erziehung). Nur der Glaube an die Wiederkunft Christi war allen gemeinsam gewesen.

Dieser Pluralismus spiegelte sich natürlich auch in der langsam entstehenden Adventgemeinde wieder. Als Antwort darauf versuchten die Pioniere der Adventgemeinde, die Bibel neu zu verstehen und auf ihrer Grundlage auch auf aktuelle Probleme der Gesellschaft zu antworten. Besonders wichtig war hier interessanterweise eine Frau, Ellen White, die aufgrund ihrer charismatischen Fähigkeiten in der Lage war, die vielen Diskussionen immer wieder zu einem Ergebnis zu führen. Die gewonnenen Erkenntnisse wurden "gegenwärtige Wahrheit" genannt. Mit diesem Begriff wollten die Pioniere ausdrücken, daß die Suche nach Wahrheit niemals aufhören darf und die Gemeinde die Aufgabe hat, sich mit den Fragen der Gegenwart immer wieder neu auseinanderzusetzen.

Bei ihrer organisatorischen Gründung im Jahre 1863. gehörten 3.500 Gemeindeglieder zur Adventgemeinde. 10 Jahre später schon begann ihr weltweites Wirken. Heute gehören ca. 10.000.000 Menschen zur Adventgemeinde. Der Schwerpunkt liegt inzwischen in den Ländern der sog. "Dritten Welt". Das liegt z.B. daran, daß die Adventgemeinde ihr besonderes Augenmerk auf Bildung und Erziehung gelegt hat und im medizinischen Bereich aktiv ist. Warum das so ist, wird im zweiten Teil des Referats noch deutlich werden.

In Deutschland ist die Adventgemeinde seit den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts vertreten. Es soll aber nicht unerwähnt bleiben, daß sich schon vorher hier im Rheinland, unabhängig vor der in den USA entstandenen Bewegung, eine Gruppe mit vergleichbaren Glaubensüberzeugungen gebildet hatte, die sich dann der weltweiten Adventgemeinde anschloß.

Die Arbeit der Adventgemeinde in Deutschland stand im Zusammenhang mit dem Auftreten anderer Freikirchen (Baptisten, Methodisten, Heilsarmee) aus dem angloamerikanischen Raum, das Mitte des 19.Jahrhunderts begann. All diese Kirchen waren nicht damit zufrieden, daß ihnen nur das Recht auf freie Durchführung ihres Gottesdienstes eingeräumt wurde. Sie wollten ihre Überzeugungen öffentlich verkündigen und Menschen mit ihrer Botschaft erreichen.

Dies jedoch wollten die etablierten Kirchen nicht dulden. In der Folge wurden die Freikirchen zum Zielpunkt zahlreicher Polemiken. So wurden sie z.B. als "Sekten" bezeichnet. Den Methodisten wurde vorgeworfen, sie seien eine "Jugendreligion", die ihre Mitglieder durch "seelisch-fleischliche Gefühls- und Nerven-Aufregungen" gewännen. Ein anderer Vorwurf lautete, daß die Freikirchen schlicht und ergreifend "undeutsch" seien.

Dies hat die Arbeit aller Freikirchen zwar einerseits sicher nicht leichter gemacht, andererseits aber auch nicht aufhalten können. Die Adventgemeinde in Deutschland hat gegenwärtig ca. 35.000 getaufte Gemeindeglieder.

2. Die Glaubensüberzeugungen der Adventgemeinde

Zunächst: die Adventgemeinde besitzt kein ein für allemal feststehendes und unveränderliches Glaubensbekenntnis. Zwar hat sie ihre Glaubensüberzeugungen schriftlich niedergelegt, aber in der Präambel wird dazu ausdrücklich erwähnt, daß eine Neuformulierung der Glaubensüberzeugungen möglich ist, wenn die Gemeinde zu einem neuen und tieferen Verständnis der biblischen Wahrheit gelangt.

2.1 Die Bibel

Grundlage und Maßstab der Wahrheit, so bekennen wir mit den reformatorischen Kirchen, ist allein die Heilige Schrift Alten und Neuen Testaments.

Wie können wir Menschen Gott erkennen? Natürlich kann sich jeder von uns so seine eigenen Gedanken machen. Die Frage ist nur: ist das Ergebnis dieser Gedanken wirklich Gott oder sind es nur fromme Wünsche? Die Bibel selbst spricht davon, daß wir Menschen von uns aus Gott nicht erkennen. können. Um Gott zu erkennen, muß er sich uns zu erkennen geben. Das ist in Jesus Christus geschehen.

Die Bibel wiederum berichtet uns von Jesus Christus. Er ist ihr Mittelpunkt. Deshalb ist die Bibel das Wort Gottes, die Heilige Schrift, von der sich jede Kirche und jeder einzelne Christ kritisch zu hinterfragen lassen hat.

2.2 Gott

Die Bibel sagt uns, daß Jesus Christus der Sohn Gottes ist und wir in ihm sehen können, wer Gott ist und wie er es mit uns meint. Jesus sagt: "Wer mich sieht, der sieht den Vater" (Joh.14,9). Entgegen landläufigen Gottesbildern wird in Jesus Christus deutlich, daß Gott die Liebe ist. Er zeigt uns einen Gott, der uns so annimmt, wie wir sind.

2.3 Der Mensch

Wie aber sind wir denn? Wie schildert die Bibel die Situation des Menschen? Die Bibel sagt, daß mit uns Menschen ganz grundsätzlich etwas nicht in Ordnung ist. Das Böse, daß wir im Privaten wie im Globalen verursachen, kommt nicht etwa daher, daß wir zu faul sind oder nicht wüßten, was richtig oder falsch ist. Ursache ist, daß wir Menschen in uns selbst gespalten sind, daß wir nicht Herr im eigenen Hause sind. In der Sprache der Bibel ausgedrückt: Wir sind Sünder. Damit ist mehr gemeint, als daß wir alle hin und wieder etwas Falsches tun. Die Sünde, das wird vor allem bei Paulus deutlich, ist eine Macht, die uns Menschen gefangenhält, versklavt und uns geradewegs auf den Tod zusteuern läßt (Röm.7,14-23).

2.4 Das Werk Jesu Christi

Wie reagiert Gott darauf, daß wir Sklaven der Sünde sind und daher auf den Tod zusteuern? Die Bibel sagt: In seinem Sohn Jesus Christus hat sich Gott mit uns solidarisiert. Er ist in diese Weit gekommen, hat die Sünde und ihre Folge, den Tod, auf sich genommen und hat in seiner Auferstehung über den Tod gesiegt.

Das Ostergeschehen zu verstehen übersteigt die Grenzen unseres Verstandes. Schon Paulus schrieb: "Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist's eine Gotteskraft" (1.Kor.1,18). Wichtiger aber, als das Ostergeschehen mit unserem Verstand zu erfassen, ist es, die dahinterstehende Gotteskraft für uns persönlich in Anspruch zu nehmen. Die Bibel sagt, daß Christus zu Ostern die Fesseln unserer Sklaverei zerrissen hat.

2.5 Die Taufe

Wie wird dieses Ostergeschehen für uns wirksam? Dies geschieht in der Taufe. In der Taufe lassen wir uns in das Heilsereignis von Jesu Tod und Auferstehung mit einbeziehen. Wir sterben mit Christus und stehen mit ihm zu einem neuen Leben auf.

Das wird auch in der Symbolik der Taufe deutlich. Das neutestamentliche Wort für Taufen bedeutet wörtlich übersetzt "untertauchen". Ursprünglich wurde die Taufe so durchgeführt, daß der Täufling in Wasser untergetaucht und auf diese Weise mit Christus begraben wurde und anschließend wie Christus aus diesem Grab zu einem neuen Leben aufstand. In dieser Form praktizieren wir als Adventgemeinde auch heute noch die Taufe.

Entsprach das bisher Gesagte auch den Lehren der evangelischen Kirchen, so wird in der Durchführung der Taufe ein Unterschied deutlich. Auch in der Frage nach dem Zeitpunkt der Taufe haben wir als Adventgemeinde aufgrund der Heiligen Schrift eine andere Auffassung. Der Gedanke der Kindertaufe ist dem NT fremd. Voraussetzung für die Taufe ist die Mündigkeit des Täuflings. Er soll sich dazu äußern können, ob er sich taufen lassen möchte oder nicht. Und er soll wissen und verstehen können, was dort mit ihm geschieht.

2.6 Das neue Leben

In der Taufe sterben wir mit Christus und stehen mit ihm zu einem neuen Leben auf. Wie sieht das neue Leben aus? Was ändert sich konkret?

Als Erstes: Wir leben in der Gewißheit, bei Gott angenommen und geborgen zu sein. Wir brauchen nicht in der Vorstellung zu leben, daß wir uns das ewige Leben durch das Aufhäufen guter Werke verdienen müssen. Auch wenn wir noch immer sterbliche Menschen sind - Gott hat uns schon jetzt das Leben geschenkt. Der Apostel Johannes schreibt: "Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht. Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wißt, daß ihr das ewige Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes" (1.Joh.5,12+13).

Und Zweitens: Weil Christus uns heil gemacht hat, uns aus der Sklaverei der Sünde befreit und neues Leben geschenkt hat, verändert sich unser Lebensstil. Christ-Sein heißt nicht nur, sich Christ zu nennen, sondern auch wie Jesus Christus zu leben. Dabei werden wir immer unvollkommen bleiben, aber wir leben unter dem Vorzeichen des Wachstums. Gott will unser Leben Stück für Stück verändern. Er will unser Leben entfalten - in allen Bereichen. Ans diesem Grunde haben wir uns als Adventgemeinde auch viel mit dem Thema Erziehung beschäftigt.

2.7 Die 10 Gebote und das Sabbatgebot

Maßstab für dieses neue Leben sind die Gebote Gottes. Dazu gehören vor allem das Liebesgebot und die 10 Gebote. Auch Jesus hat sich in seinem Leben an diesen Geboten orientiert und sie in der Bergpredigt noch einmal bekräftigt.

Im Zusammenhang mit den 10 Geboten wird eine weitere Besonderheit der Adventgemeinde deutlich: der Sabbat. Wie das 6. Gebot "Du sollst nicht töten" ganz selbstverständlich nach wie vor von Bedeutung ist, hat unserer Auffassung nach das 4. Gebot, das Sabbatgebot, ebenso seine bleibende Gültigkeit.

Im 4.Gebot heißt es: "Gedenke des Sabbattages, daß du ihn heiligst. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der Herr den Sabbattag und heiligte ihn." (2.Mose 20,0-11).

Aus diesem Grunde ist nicht der Sonntag, sondern der Samstag unser Ruhetag. Daß der Samstag der in der Bibel erwähnte Sabbat ist, wird schon durch einen Vergleich mit dem Italienischen oder Spanischen deutlich. Unser Samstag heißt dort "Sabbato" bzw. "Sabado".

Wie sieht dieser Tag praktisch aus? Die Bibel sagt, daß er ein Tag der Ruhe ist, an dem Arbeit - bis auf das Lebensnotwendige - tabu ist. Also ein Tag, der in unserer Leistungsgesellschaft ein wenig aus der Reihe fällt. Aber nichtsdestotrotz eine fantastische Sache. Ich habe es z.B. in der Zeit meines Studiums als angenehm empfunden, daß ich am Sabbat gar nicht darüber nachzudenken brauchte, ob ich es mir leisten kann, heute nichts fürs Studium zu tun. Ich wußte: heute ist Sabbat, heute bin ich frei für anderes - und zwar für das, was in der Hektik des Alltags meist zu kurz kommt, aber vielleicht viel wesentlicher ist. Dazu gehört die Begegnung mit mir selbst, mit anderen Menschen und mit Gott. In diesen Zusammenhang gehört auch, daß die Bibel den Sabbat als den Tag des Gottesdienstes festlegt. Aus diesem Grunde feiern wir unseren wöchentlichen Gottesdienst nicht am Sonntag, sondern am Sabbat.

Eine sehr schöne Beschreibung der Atmosphäre dieses Tages habe ich bei dem jüdischen Philosophen und Psychoanalytiker Erich Fromm gefunden. In seinem Buch "Haben oder Sein" führt er aus: "Am Sabbat lebt der Mensch, als hätte er nichts, als verfolge er kein Ziel außer zu sein, das heißt seine wesentliche Kräfte auszuüben - beten, studieren, essen, trinken, singen, lieben. Der Sabbat ist ein Tag der Freude, weil der Mensch an diesem Tag ganz er selbst ist. Das ist der Grund, warum der Talmud den Sabbat die Vorwegnahme der Messianischen Zeit nennt und die Messianische Zeit den nie endenden Sabbat: der Tag, an dem Besitz und Geld ebenso tabu sind wie Kummer und Traurigkeit, ein Tag, an dem die Zeit besiegt ist und ausschließlich das Sein herrscht. Sein historischer Vorläufer, der babylonische Shapatu, war ein Tag der Trauer und der Furcht. Der moderne Sonntag ist ein Tag des Vergnügens, des Konsums und des Weglaufens von sich selbst. Man könnte tragen, ob es nicht an der Zeit wäre, den Sabbat als universellen Tag der Harmonie und des Friedens einzuführen, als den Tag des Menschen, der die Zukunft der Menschheit vorwegnimmt."

2.8 Gesundheit

Auch für den körperlichen Bereich finden wir in der Bibel Anweisungen. Das Menschenbild der Bibel ist ganzheitlich. Da geht es nicht nur um die "Seele". Auch unser Körper ist von Gott geschaffen und hat seinen Wert. Der Mensch ist eine untrennbare Einheit. Leibfeindlichkeit - und damit verbunden auch Sexualfeindlichkeit - kann sich nicht auf die Bibel berufen. Daher finden sich in der Bibel z.B. auch Aussagen zur Ernährung des Menschen. Hier liegt auch der Grund, warum wir uns als Adventgemeinde intensiv mit Fragen der Gesundheit beschäftigen.

2.9 Die Gemeinde

Zur Entfaltung unseres Menschseins gehört auch das Leben in der Gemeinschaft mit anderen Menschen. In diesem Zusammenhang ist nicht zuletzt die christlichen Gemeinde bzw. Kirche von Bedeutung.

Nach biblischem Verständnis werden wir durch die Taufe Teil der Gemeinde und haben Gemeinschaft untereinander - nicht weil wir uns so gut verstehen, sondern weil Gott uns zu dieser Gemeinschaft zusammengefügt hat. Diese Gemeinschaft ist daher bedingungslos. Die Gemeinde ist deshalb ein Ort der Wärme und Geborgenheit, an dem wir uns im Gespräch öffnen, Anregung aufnehmen und Unterstützung erfahren. Dazu dienen die verschiedensten Angebote - von Gottesdiensten, Gesprächskreisen und Gemeindefeiern bis hin zu Jugendgruppe und Seniorenkreis.

Natürlich ist das ein Idealbild. Die Wirklichkeit sieht leider manchmal anders aus. Aber Freikirchen, bei denen sich die Gläubigen als Erwachsene ja bewußt für die Kirchenzugehörigkeit entscheiden, haben hierbei den Vorteil, daß ein hoher Prozentsatz ihrer Gemeindeglieder tatsächlich aktiv am Gemeindeleben teilnimmt.

2.10 Die Wiederkunft Christi

Mit Christus beginnt hier und heute für uns ein neues Leben. Zugleich aber leben wir in einer Welt, die von Leid und Tod gekennzeichnet ist. Wir leben als Erlöste in einer unerlösten Welt. Deshalb gehört zum christlichen Glauben auch die Hoffnung auf den Tag, an dem unsere persönliche Erlösung übergeht in die Erlösung der ganzen Welt.

Dieser Tag wird in der Bibel "Jüngster Tag" genannt. Gemeint ist der Tag der Wiederkunft Christi, der Tag, an dem Jesus Christus für alle sichtbar in den Wolken des Himmels erscheint, um seine neue Welt aufzurichten. Dann werden die Toten auferstehen und schließlich wird ein neuer Himmel und eine neue Erde entstehen: "Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr ... Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen" (Off. 21,1.3+4).

Niemand weiß, wann dieser Tag sein wird. "Von dem Tage aber und von der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater" (Mt.24,36). Auf die Frage der Jünger "sage uns, wann wird das geschehen? Und was wird das Zeichen sein für dein Kommen und für das Ende der Welt? (Mt.24,3) zeigt Jesus ihnen, daß die Zeit vor seinem Kommen eine außergewöhnliche Krisenzeit sein wird. Kriege, Hungersnöte, Erdbeben u.s.w.. Und vielleicht haben wir heute manchmal den Eindruck, angesichts der Probleme in der sog. "Dritten Welt" und der weltweiten ökologischen Probleme in einer außergewöhnlichen Krisenzeit zu leben. Aber Berechnungen lassen sich damit nicht anstellen.

Wir wissen nicht, wann Jesus wiederkommt, aber wir wissen, daß er wiederkommt. Und deshalb leben wir wie Martin Luther in der Erwartung des "lieben Jüngsten Tags". Das haben wir sogar in unserem Namen zum Ausdruck gebracht. "Advent" heißt "Ankunft" und ist die lateinische Übersetzung des griechischen Wortes "Parusia", daß im NT die Wiederkunft Christi bezeichnet.

Diese Hoffnung ist meiner Auffassung nach für unsere Zeit von besonderer Bedeutung. Wir müssen heute mitansehen, wie wir Stück für Stück unsere Lebensgrundlagen auf dieser Erde zerstören. Wir alle wissen darüber Bescheid und könnten hier ohne Mühe unzählige Informationen über Ozonlöcher, Treibhauseffekt, Waldsterben etc. zusammentragen. Die Frage ist nur: Wie gehen wir innerlich mit diesen Nachrichten um?

Der Schriftsteller Günter Grass hat sich in seinem 1986 erschienenen Roman "Die Rättin" ausführlich mit unseren Zukunftsaussichten auseinandergesetzt. Darin findet sich folgendes Gedicht:

Sag ich ja: nichts.
In ihr Loch stolpern die Wörter.
Nachträge nur noch.

Ein langes Gespräch über Erziehung,
das abbrach, ohne zum Schluß
zu kommen.

Nach letzten Meldungen.
Wie gegen Ende verlautbart wurde
und gleich darauf dementiert.

Zu guter Letzt versuchten einige Exemplare
der Gattung Mensch
von vorn zu beginnen.

Irgendwo soll gegen Saisonende
preisgünstig Anlaß für Hoffnung
gewesen sein.

Abschießend war von Gut und Böse,
und daß es sowas nicht gebe,
die Rede.

Überliefert ist der Beschluß,
sich auf demnächst
zu vertagen.

Wir dachten, das sei ein Witz,
als uns plötzlich
das Lachen verging.

Immerhin war danach
niemand mehr hungrig
global.

noch hätten zum Schluß viele Menschen
gerne noch einmal
Mozart gehört.

Adventist sein, daß heißt deshalb für mich heute, nicht in die Weltuntergangsgesänge mit einzustimmen, sondern Halt zu finden in der Zuversicht, daß am Ende nicht der Abgrund, sondern Gott steht. Die Hoffnung auf die Wiederkunft Christi bewahrt vor Verzweiflung und schenkt sogar die Kraft, hier und da ein Apfelbäumchen zu pflanzen - nach dem oft Martin Luther zugeschriebenen Spruch: "Wenn ich wüßte, daß Jesus morgen wiederkommt, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen."

 
  © 2005 by Andreas Marzinski