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Der Terroranschlag von New York am 11.09.2001Als ich davon höre, bin ich zwischen zwei Religionsunterrichtsstunden im Auto unterwegs und schalte zu den Nachrichten das Radio ein. Zunächst kann ich nicht glauben, was ich da höre. Im ersten Augenblick denke ich, es wird irgendein Hörspiel im Science-Fiction-Stil gesen- det. Aber dann wird mir klar: Das ist keine Fiktion. Das ist Wirklichkeit. Grausame Wirklichkeit. Ein Reporter, der sicher manches gewohnt ist, berichtet mit tränenerstickter Stimme aus New York und muss das Interview abbrechen. Am Abend sehe ich die Bilder, die seitdem immer und immer wieder gezeigt werden: Die Flugzeuge, die in das Doppelhochhaus krachen. Die riesigen Feuerbälle. Die einstürzenden Türme. Die entsetzten und schreienden Menschen. Ich bin Jahrgang 61. Krieg gab es immer nur in Ländern, die mir innerlich weit entfernt waren. Auch da gab es schreckliche Bilder. Aber so nah war mir der Krieg noch nie. Ein barbarischer Anschlag mitten hinein in das Zentrum der westlichen Welt, unserer Welt. Viele von uns haben in den letzten Tagen immer und immer wieder ihr Radio oder ihren Fernseher eingestellt. Nicht aus Sensationsgier, sondern weil uns dieses Ereignis keine Ruhe gelassen hat. Wir sind fassungslos und entsetzt. Wir sind aufgewühlt, hilflos und wütend. Und zugleich spüren wir, dass unsere Welt nach diesem Anschlag anders geworden ist. Bundeskanzler Schröder erklärt, der 11. September 2001 werde "als schwarzer Tag" in die Geschichte der Menschheit eingehen. Die württembergische Landeskirche veröffentlicht einen Gebetsaufruf, in dem es heißt: "Die unbeschreiblichen Mordanschläge werden die Gefühle der Menschen und die Politik der Staaten auf Jahre hinaus mitbestimmen." Ein Reporter des Westdeutschen Rundfunks kommentiert: "Weltweit endete am 11. September 2001 der bisherige Alltag auf diesem Planeten. Live und in Farbe konnten wir miterleben, dass auch die militärisch stärkste Nation der Welt letztlich genau so verwundbar ist, wie jedes kleine Land irgendwo auf der Welt. Terror und Wahnsinn lassen sich nicht verhindern. Jeder, der etwas anderes verspricht, l¨gt sich und anderen etwas in die Tasche. Keine Milliarde für Rüstung konnte das verhindern - und kann das künftig verhindern." Wir wissen nicht, was kommt. Aber wir fühlen: das war ein Einschnitt. Und während wir die Bilder sehen fragen wir uns: Wie können Menschen so etwas tun? Und dann müssen wir mit ansehen, dass es Menschen gibt, die angesichts dieses barbarischen Terrorakts in offenen Jubel ausbrechen. Wie ist das möglich? Was sind das für Menschen? Ja, sind das überhaupt Menschen? Vielleicht haben wir verdrängt, wozu Menschen fähig sind. Natürlich ist unsere westliche Zivilisation nicht der Himmel auf Erden. An schlechten Nachrichten hatten wir nie Mangel. Und Konflikte gab es genug. Aber wir waren doch davon überzeugt, dass die Vernunft - schon aus eigenem Interesse - dafür sorgt, dass bestimmte Grenzen von allen Beteiligten eingehalten werden. Aus dem kalten Krieg wurde schließlich deshalb kein heißer Krieg, weil jeder ganz genau wusste: Wer als erster schießt, stirbt als zweiter. Aber nun, nach dem Ende des kalten Krieges, haben wir es zunehmend mit Krisen zu tun, in denen blanker Hass und Fanatismus regieren - sogar vor unserer Haustür auf dem Balkan. Der 11. September hat uns gezeigt, wie zerbrechlich die Idee der Zivilisation ist. Dieser Tag hat uns daran erinnert, wozu Menschen fähig sind. Dabei ist es gerade einmal etwas mehr als ein halbes Jahrhundert her, dass mitten in unserem Land Millionen von Menschen allein wegen ihrer Rasse und Religion systematisch verfolgt und vernichtet wurden. Aber wir haben das schnell verdrängt. Jeder war eifrig dabei zu betonen, dass er nichts von alledem gewusst habe und somit seine Hände in Unschuld waschen könne. Damit war die Sache abgehakt. Nun aber wird uns aufs neue vor Augen geführt, wozu Menschen fähig sind. Es kommt darauf an, dass wir vor Fanatismus und blindem Hass nicht die Augen verschließen, sondern diese Bedrohung ernst nehmen. Es ist Teil unseres Lebens in dieser Welt. Religiöse und nationalistische Ideologien können aus Menschen Bestien machen. Da gibt es klare Feindbilder. Und die Feinde sind zu vernichten - mit allen Mitteln. Unser heutiger Predigttext zeigt uns, dass selbst die Jünger Jesu anfällig dafür waren. Jesus ist mit seinen Jüngern auf dem Weg nach Jerusalem. Dort wird sich sein Schicksal erfüllen. Dabei zieht er durch die Provinz Samaria. 722 v. Chr. war das Nordreich Israel von den Assyrern besiegt und der Großteil der Bevölkerung in entlegene Provinzen des Großreiches verschleppt worden. Zugleich wurden besiegte Völker aus Babylon im Bereich des ehemaligen Nordreiches angesiedelt. Diese vermischten sich mit den übriggebliebenen Israeliten zum Volk der Samariter. Die Samaritaner waren keine Heiden. Sie verehrten Jahwe und hielten die Tora, die fünf Bücher Mose, in hohen Ehren. Aber sie errichteten auf dem Berg Garizim ihren eigenen Tempel. Seitdem herrschte bittere Feindschaft zwischen ihnen und den Juden. Diese betrachteten sie als abgefallen. Es kam sogar zu kriegerischen Auseinandersetzungen, in deren Folge die Juden ihren Tempel zerstörten. Als die Römer die Macht übernehmen, bemühen sie sich um ein freundschaftliches Verhältnis zu ihnen, getreu dem Motto: "Der Feind meines Feindes ist mein Freund." Immer wieder kommt es zu Anschlägen. Eines Tages dringen Samariter in den Tempel ein, um dort Totengebeine zu verstreuen, weil der Tempel dadurch entheiligt wird. So kommt es, dass Pilger, die von Galiläa nach Jerusalem wollen und dazu durch Samarien reisen, immer wieder Beschimpfungen ausgesetzt sind. Daher ist es alles andere als überraschend, dass sie Jesus und seinen Jüngern die Gastfreundschaft verweigern. Als sie mitbekommen, dass Jesus nach Jerusalem unterwegs ist, zeigen sie ihm die kalte Schulter. Jakobus und Johannes sind darüber so erbost, dass sie Jesus um die Erlaubnis bitten, Gottes Strafgericht über diese Stadt herabflehen zu dürfen. Feuer soll vom Himmel fallen und diese Stadt auslöschen. Und sie sind überzeugt: Wenn sie Gott darum bitten, dann wird er es auch tun. Ihnen fehlt nur noch die Zustimmung Jesu. Aber der gibt sie ihnen nicht. Anstatt sie für ihren großen Glauben zu loben, herrscht er sie an. "Jesus aber wandte sich um und wies sie zurecht." Und damit macht er deutlich: Es ist ein Unding, wenn Menschen in ihrer Rache göttliche Macht in Anspruch nehmen wollen. Gottes Heilsplan verwirklicht sich nicht durch Gewalt. Gottes Heilsplan verwirklicht sich durch den, der den untersten Weg geht, durch den, der den Weg des Kreuzes geht. Nicht Gewalt und Rache, sondern Leiden und Vergebung. Frommer Übereifer will das Gericht Gottes selbst in die Hand nehmen. Frommer Übereifer greift in seinem Kampf zu jedem nur denkbaren Mittel. Jesus aber will versöhnen - nicht richten. Er gibt niemanden auf. Er reicht jedem die Hand. Er ist bereit, Kränkungen zu ertragen - und noch viel mehr. Mitte der neunziger Jahre hat ein Buch mit dem Titel "Der Kampf der Kulturen" für großes Aufsehen gesorgt. Verfasser ist der Harvardprofessor Samuel Huntington, der ein Institut für Strategische Studien leitet und als Berater des amerikanischen Außenministeriums gearbeitet hat. Huntington hat sich mit den Perspektiven der Weltpolitik im 21. Jahrhundert auseinandergesetzt. Seine Prognose lautet: Die Konflikte der Zukunft sind Konflikte zwischen Kulturen. Er geht davon aus, dass es sieben oder acht verschiedene Kulturkreise gibt: die "westliche", die slawisch-orthodoxe, die lateinamerikanische, die japanische, die sinisch-konfuzianische, die hinduistische, die islamische und - da ist er sich nicht ganz schlüssig - die afrikanische Großkultur. Nach dem Ende des Konflikts zwischen den USA und der Sowjetunion werde es vermehrt zu Konflikten zwischen den Kulturkreisen und ihren Kernmächten kommen. Die bisherige Vormachtstellung des westlichen Kulturkreises sieht er durch ein antiwestliches Bündnis der islamischen und der sinisch-konfuzianischen Großkultur bedroht. Für die einen gilt Huntingtons Kampf der Kulturen als eine realistische Analyse, mit deren Hilfe man bereits bestehende Weltkonflikte erklären kann. Andere betonen, dass seine Prognose zu einer sich selbsterfüllenden Prophezeiung werden kann. Neue Feindbilder würden aufgebaut, so dass die bestehenden Konflikte verstärkt und neue heraufbeschworen würden. Wie plausibel diese Analyse auch sein mag - von einem quasi naturgegebenen Konflikt zwischen Kulturen zu sprechen widerspricht dem Geist Jesu Christi. Jesus predigt nicht Kampf, sondern Versöhnung. Jesus sucht den Dialog. Noch mehr: Jesus ist der fleischgewordene Dialog Gottes mit uns Menschen. Das Johannesevangelium sagt: "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. Das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden." (Joh.1,1.14.17). Jesus Christus ist der Dialog Gottes mit uns. Deshalb treten Christen dafür ein, dass das Gespräch zwischen uns Menschen, auch und gerade zwischen Menschen aus verschiedenen Kulturen, nie abreißt. In Jesus Christus ist Gott Mensch geworden. Er hat den Himmel verlassen und ist zu uns gekommen - mitten in unsere Welt. Fortan können wir nicht rechthaberisch die Überlegenheit unserer eigenen Kultur betonen. In der Nachfolge Jesu gehen wir aufeinander zu. Aber man muss kein Christ sein um zu erkennen, dass es zum Dialog zwischen den Kulturen keine Alternative gibt. Wie sollte die denn aussehen? Die Alternative wäre tatsächlich der Kampf. Und der ist keine Alternative. Zu diesem Dialog der Kulturen gehört vor allem der Dialog der Religionen. Kein Weltfriede ohne Religionsfriede. Denn in allen Religionen geht es um mehr als eine Meinung über Gott und die Welt. Es geht um das, was uns Menschen unbedingt angeht. Religiöse Erfahrungen sind tiefe Erfahrungen. Sie prägen unser ganzes Sein. Aber wie ist Friede zwischen Religionen möglich? Es ist doch so: Gerade weil der Glaube ein so wichtiger Faktor unserer Existenz ist, ist der Dialog schwierig. Da geht es um tiefsitzende Überzeugungen. Es geht um die Wahrheit. Es gibt doch nur eine Wahrheit. Und wenn andere Menschen etwas ganz anderes für wahr halten? Was dann? Dann kann es sein, dass wir meinen, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Wenn wir keine eigene Überzeugung haben, dann haben wir mit der Vielfalt der Religionen keine Schwierigkeiten. Soll doch jeder glauben, was er will. Je bunter, desto besser. Wer jedoch eigene Überzeugungen hat, kann es sich nicht so einfach machen. Entscheidend ist hier die Einsicht, dass es zur Würde des Menschen gehört, nach seiner eigenen Überzeugung zu leben. Damit soll die Frage nach der Wahrheit nicht zum Verstummen gebracht werden. Im Gegenteil: Christen dürfen und sollen daran festhalten, dass es eine Wahrheit gibt, die alle Menschen in Anspruch nehmen will. Aber die Religionsfreiheit ist ein Menschenrecht. Sie gilt auch für diejenigen, die sich dieser Wahrheit verweigern. Oder in den Worten des 2. Vatikanischen Konzils: "So bleibt das Recht auf religiöse Freiheit auch denjenigen erhalten, die ihrer Pflicht, die Wahrheit zu suchen und daran festzuhalten, nicht nachkommen" (Dignitatis humanae, 2). Das sind Sätze, denen jeder Adventist zustimmen muss. Und deshalb betrachtet unsere Gemeinschaftsleitung sie übrigens für einen wichtigen Durchbruch innerhalb der katholischen Kirche (101 Fragen und Antworten, 113). Wahrheit muss Wahrheit bleiben - aber sie ist nicht dafür da, dass wir sie uns gegenseitig um die Ohren hauen. Religionsfreiheit ist ein Menschenrecht. Deshalb ist niemand berufen, einer anderen Religion ihre Existenzberechtigung abzusprechen. Deshalb ist es uns nicht erlaubt, uns dem Dialog zu verweigern. Dialogfähigkeit ist eine Tugend, die nicht hoch genug gerühmt werden kann. Es ist so wichtig, dass wir miteinander reden - und vor allem einander zuhören. Dann können wir einander verstehen. Und was wir verstehen, empfinden wir nicht mehr als fremd und bedrohlich. Zur Dialogfähigkeit gehört aber auch die Dialogwürdigkeit. Dialogwürdig ist nur, wer in seiner eigenen Religion einen festen Standpunkt hat. Sonst ist der Dialog überflüssig. Es findet kein wirkliches Kennenlernen der anderen Religion statt. Im Dialog bezeugen sich die Partner gegenseitig die Wahrheit ihrer Religion. Das Ziel des Dialogs ist nicht die Übereinstimmung. Wenn zwei Religionen dasselbe sagen, ist eine von ihnen überflüssig. Es geht darum, dass Menschen verschiedener Religionen lernen, zusammenzuleben. Der französische Ministerpräsident Jospin hat diese Tage gesagt: "Wir bekämpfen den Terrorismus. Wir bekämpfen nicht den Islam." Diese Unterscheidung ist unendlich wichtig. Ein Kampf der Kulturen wäre verhängnisvoll. Kein Weltfriede ohne Religionsfriede. Kein Religionsfriede ohne Religionsdialog. In vielen Medienberichten erscheint der Islam intolerant manchmal sogar als gewalttätig. Und wir haben Grund zu der Annahme, dass die Auffassung von der Religionsfreiheit als einem unveräußerlichen Menschenrecht in der islamischen Kultur weniger stark verwurzelt ist, als in der westlichen Welt. Aber wenn wir selbst dieses Menschenrecht ernst nehmen, dann gilt es tatsächlich für alle - sogar für diejenigen, die dazu noch keinen Zugang gefunden haben. Ein Kampf der Kulturen führt nur zu immer mehr Konfrontation. Deshalb gibt es keine Alternative zum Dialog. Aber so sehr es stimmt, dass es keine Alternative zum Dialog gibt, so sehr ist es wichtig, dass wir dabei wissen: Aller Dialog wird nicht dazu führen, dass wir eine Welt aufbauen, die ohne Konflikte ist. Dialog kann helfen, dass manche Konflikte verhindert werden. Aber Konflikte, auch Konflikte zwischen Kulturen und Religionen, werden immer da sein. Sie können vielleicht gemildert werden - aber sie werden da sein. Deshalb dürfen wir uns auch und gerade nach einer Woche wie der letzten daran festhalten, dass Jesus Christus versprochen hat wiederzukommen und einen neuen Himmel und eine neue Erde zu schaffen, wo Sünde, Hass, Leid und Tod endgültig überwunden sind. Als Christen sind wir Realisten: Hier und heute wollen wir unseren Beitrag für unsere Gesellschaft leisten. Aber wir wissen, dass alles Stückwerk bleiben wird. Und wir sind Optimisten: Nicht weil wir von uns aus Grund zum Optimismus haben, sondern weil Gott unsere Hoffnung ist. Was also sollen wir tun? Beten und arbeiten! Zum Arbeiten gehört,
Und wir wollen beten,
Schließen möchte ich mit einigen Worten aus der Erklärung, die Jan Paulsen als Präsident unserer Generalkonferenz zu den tragischen Ereignissen dieser Woche abgegeben hat:
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| © 2005 by Andreas Marzinski | ||||||||